etwas besseres als arbeit finden wir überall

den spruch fanden wir gut, weil er auf viele berufsgruppen passt. völlig egal hingegen ist uns, dass die piratenpartei die neoliberalen kampfparolen guido westerwelles einfach wiederholt. aber menschen, die sich aufgrund von sozailstaatabbau und jobcenter-repressionen immer mehr in ihrer existenz bedroht sehen sowie befürworter*innen des bedingungslosen grundeinkommens werden sich dieser aussage sicherlich anschließen.

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Sklavenarbeit 2

dieser beitrag will nicht unterschlagen, dass es sich bei sexualität um eine besondere form des physischen erlebens handelt und dass sexarbeit sich allein deshalb schon von anderen formen der arbeit fundamental unterscheidet. auch will er keinesfalls die ungeheurlichkeit desmenschenhandels relativieren. dennoch soll hier der versuch unternommen werden, anhand von textbeispielen aus dem artikel “Selbstbestimmung oder Zwang?” aus dem Amnesty International-Magazin “ANKLAGEN” vom winter 2013/2014 aufzuzeigen, dass auch kontroversen diskussionen zum thema arbeit oft ein verständnis dieses begriffes zu grunde liegt, das bestehende verhältnisse naturalisiert.

in dem artikel heißt es u.a.:

Das Problem der Freiwilligkeit ist nicht ein Aspekt der Prostitution, sondern das Problem der prostitution schlechthin. […] Auch unter denjenigen Prostituierten, die die Sex-Arbeit nicht unter Zwang ausführen, gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach einen großen Anteil solcher, die sich finanziellem und psychischem Druck ausgesetzt fühlen und darüber hinaus nicht in der Lage sind, selbstständig die Arbeit zu beenden, die sie als zerstörerisch empfinden.”

und

Dies alles und vieles mehr sind Gründe dafür, dass man nicht über Sex-ArbeiterInnen sprechen kann, ohne gleichzeitig über Opferschutz und Aussteigerhilfsprogramme nachzudenken – und zwar für alle Varianten der Unfreiwilligkeit. Wir müssen einsehen, dass es physischen, wirtschaftlichen und auch psychischen Zwang gibt, und in allen Fällen Beratung und Hilfe Anbieten. Das bedeutet nicht, Prostitution mit Zwang gleichzusetzen, sondern dass dies eine der Voraussetzungen ist, unter denen man sich Sex-Arbeit als geschäftliche Beziehung gleichberechtigter Geschäftspartner überhaupt vorstellen kann.

mit der forderung nach “Aussteigerhilfsprogrammen” für menschen, die unfreiwillig freiwillig, nämlich aus “finanziellem und psychischem Druck“, sexarbeit nachgehen, wird die vorstellung evoziert, “normale” arbeit finde abseits eines solchen als freiwilligkeit imaginierten zwangs statt und außerhalb der prostitution begegneten sich arbeitnehmer*innen und arbeitgeber*innen bzw. dienstleistende und kund*innen stets als “gleichberechtigte Geschäftspartner“. die autorin scheint  entweder vorauszusetzen, dass es auf dem restlichen arbeitsmarkt keine unfreiwillige freiwilligkeit gibt, dass also niemand aus “finanziellem und psychischem Druck” am fließband, in einer fast-food-kette, textilfabrik oder bei führenden internetversandhäusern arbeitet, dass kein mensch lächerlich schlechte bezahlung, lächerlich viele wochenstunden und innerbetriebliche schikane aus genau diesen gründen hinnimmt, oder aber, dass der verkauf der arbeitskraft (der ja nie ohne die hingabe des eigenen körpers und geistes an eine nicht selbstständig gewählte tätigkeit auskommt) in gesellschaftlich weniger umstrittenen berufen nicht gleichermaßen problematisch ist. andernfalls läge es nahe, “Aussteigerhilfsprogramme” auch für andere berufszweige zu fordern, in denen menschen “nicht in der Lage sind, selbstständig die Arbeit zu beenden, die sie als zerstörerisch empfinden.

die dahinterstehende perspektive auf “normale” arbeit lässt sich am besten mit einem weiteren (modifizierten) auszug aus dem selben artikel darstellen:

Aus Sicht der Freier [Arbeitgeber/Kunden/Außenstehenden] haben die Sex-Arbeiterinnen das, wofür sie bezahlt werden, auch zu tun. Darin verbergen sich gewisse Momente der Sklaverei. Diese Interpretation wird allerdings durchkreuzt von unserer üblichen Haltung als Konsumenten: Es ist nun mal üblich, zu bekommen, wofür man bezahlt hat. Dass das in diesem Fall für die Frau [arbeitende Person] schrecklich sein kann, liegt für den Freier [Arbeitgeber/Kunden] daran, dass sie den falschen Job hat – und nicht daran, dass er sich Macht über sie kaufen würde.

was hier ausschließlich für einen durch seine auch außergesetzliche existenz von besonderer gewaltförmigkeit geprägten arbeitsmarkt beschrieben wird, gilt mit einschränkungen gleichermaßen für jedes lohnabhängigkeitsverhältnis. dies zu sehen oder vielmehr als zu skandalisieren anzuerkennen vereitelt nicht die gewohnte haltung als konsument*in, sondern ein weltbild, in dem andere strukturierungen von gesellschaft, wirtschaft und individueller lebensgestaltung als die vorherrschenden schlichtweg undenkbar erscheinen. wir haben gesehen: prostitution ist nicht der falsche, sondern gar kein job. können menschen aus dem sumpf der prostitution befreit werden, steht ihnen offenbar ein gutes leben in selbst gewählten verhältnissen bevor. erfahren sie auch auf dem regulären arbeitsmarkt leid, ja dann haben sie wohl den falschen job.

nur aus einer perspektive, die die legale prostitution durch das exklusiv für sie gedachte konzept der freiwilligen unfreiwilligkeit mit illegaler prostitution in eins setzt und somit von einer generellen kritik an ausbeuterischen arbeitsverhältnissen abkoppelt, kann der nachgestellte cartoon grotesk erscheinen.

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dass während der obligatorischen rechte&pflichten-maßnahme des jobcenters jemand die schmuddelbranche der leiharbeit in ein besseres licht rückt und dafür wirbt, die eigene arbeitskraft und person einer firma zum zeitweiligen verleih an dritte zur verfügung zu stellen, ist üblich.

noch einmal in den worten der “ANKLAGEN”:

In der Sex-Industrie wird viel Umsatz gemacht. Es verdienen aber nicht nur die Prostituierten [Arbeiter*innen] selbst, sondern vor allem auch diejenigen, die sich als Vermittler dazwischen schalten.

für eine weitreichende kritik an arbeit und einer historischen einordnung des begriffs “arbeit”, die die bezüge zu anderen mittlerweile als überkommen geltenden formen der abhägigkeit darstellt, siehe:

http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit